Meine Geschichte



1995: Ich bin 13 Jahre alt und verzweifelt. Alle haben einen Computer: Meine Nachbarn und sogar unsere Verwandtschaft in der ehemaligen DDR. Nur ich habe keinen. Lediglich auf einen Gameboy und ein Super Nintendo hatte ich es gebracht.
Doch dann ist Konfirmation: Mit meinem Vater zusammen düse ich nach Bremen zu meinem Onkel und wir erwerben einen Intel Pentium mit 120 Megahertz, einem Gigabyte Festplattenspeicher und Windows 95. Der Knaller ist das CD-ROM-Laufwerk (achtfach!) und obendrauf gibt es sogar noch einen Tintenstrahldrucker. Ich kaufe mir das Spiel Mad TV vom Grabbeltisch und komme nächtelang nicht davon los. Endlich gelingt es mir, die Kultur-Liebhaberin Betty zu heiraten und das Spiel ist gewonnen.



Als wir einen Freund meines Vaters besuchen, drückt dieser mir ein Buch über QBasic in die Hand. Ich bin hin und weg. Kapitel für Kapitel erfahre ich: Was sind Datentypen? Was ist eine Schleife? Was ist eine Verzweigung? Ich schreibe ein Snake-Programm und entwickle einen quietschbunten Geldspielautomaten im Textmodus unter MS-DOS. Sodann kaufe ich mir PowerBASIC auf Disketten, um meine Programme kompilieren zu können. Einen selbstprogrammierten Kopfrechentrainer sende ich an eine Zeitschrift. Die Leute schicken mir Bargeld mit der Post, weil sie das Passwort haben wollen, um mein Programm freizuschalten.
Im Unterricht auf dem Wirtschaftsgymnasium sitzen wir am Rechner und sollen irgend etwas buchen. Ich starte QBasic und fange an zu programmieren. Der Lehrer sieht das, kommt auf mich zu und sagt zu mir: "Aber DAS kannst du??"

 

1996: Für 500 D-Mark kaufe ich mir die Entwicklungsumgebung 3D Game Studio für Computerspiele. Damit entwickle ich das Spiel Powerman 3D.
Der Protagonist läuft bewaffnet durch ein Labyrinth aus Mauerwerk. Hier begegnen ihm allerhand Monster, die es zu beseitigen gilt. Munition muss eingesammelt werden, doch es gibt auch funkelnde Sternchen zum Mitnehmen. Wenn man ein solches ergattert, verschwindet eine Wand an unbekannter Stelle und eröffnet den Zugang zu weiteren Teilen des Irrgartens. Ziel ist es, zu entkommen.
Ich verkaufe das Spiel an eine Computerzeitschrift, die es veröffentlichte, und erhalte dafür - 500 D-Mark. In dieser Zeit lerne ich auch das Zehn-Finger-Schreiben und kann Programme heute blitzschnell codieren.



2004: Nun ja, ich habe noch keine Ausbildung. Also mache ich sie im Bereich der Softwareentwicklung. Wir programmieren unter C in Linux und lernen das Internet besser kennen. Überhaupt habe ich dieser Ausbildung meine ersten Kenntnisse über die Webentwicklung zu verdanken. Für mich gab es vorher nur AOL: Alleine die Telefonkosten betrugen 10 Pfennig pro Minute - etwas viel für mein mageres Taschengeld.
Meine Abschlussprojekte sind ein Programm zur verlustfreien Komprimierung beliebiger Dateien sowie ein "Soundstudio", mit dem sich MIDI-Musikdateien grafisch bearbeiten lassen. Videoproduktion war damals noch nicht "in", die Rechner waren viel zu langsam.



Doch es geht weiter mit der Lernerei: Nach der Ausbildung absolviere ich ein 6-monatiges Praktikum bei einem Softwarehersteller für das Immobilienmanagement. Dort kann ich Software schreiben, die in der Praxis tatsächlich zum Einsatz kommt. Anschließend mache ich meinen Zivildienst in einem Wohnheim für behinderte Menschen. Obwohl ich vorher einen Shooter programmiert hatte, bin ich in dieser Sache eigen. Das dafür zugeteilte Budget nutze ich für einen Fernkurs zum Thema Existenzgründung. Ein Programmierkurs "C++ für Fortgeschrittene" schließt sich an. Später soll noch eine Weiterbildung zum "Certified Web Project Manager" hinzukommen.



Nun darf ich endlich auch für Geld arbeiten. Meine Stationen als Arbeitnehmer sind Umweltzertifizierungen, Schriftenmanagement, Fehlerbehebung und Telekommunikation. Jeweils im Bereich Software.
2018 schreibe ich dem Finanzamt einen lieben Brief und teile mit, dass ich gerne als Freiberufler arbeiten möchte. Die Anmeldung geht fix.
Für meinen ersten Kunden, eine Videoproduktionsfirma aus Köln, programmiere ich eine Browser-Anpassung für Google Chrome. Aber sehen Sie selbst, welche Auftraggeber ich schon glücklich gemacht habe (Auszug):

  • Autohaus (Hannover, 2020)
  • Maschinenbaufabrik (Hildesheim, 2019)
  • Hersteller elektronischer Kleinteile (Bremen, 2019)
  • Beratungsunternehmen für Großkunden des Energieverbrauches (Hannover, ab 2018)
  • Entwicklung von Online-Stellenmärkten für große Unternehmen (Neustadt in Holstein, ab 2018)
  • Tischtennisclub (Hannover, 2018)
  • Filmproduktion (Köln, 2018)

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